Vereinsentwicklung
ZKS-Geschäftsbericht 2025: Flag Football plötzlich im Rampenlicht
Jahrzehntelang waren die Rollen der Spielweisen Tackle und Flag im American Football klar verteilt. Nun entwickelt und etabliert
sich Flag sukzessive. Dies wirbelt die Football-Szene durcheinander und stellt den Verband vor grosse Herausforderungen.
Mittwochabend, Sportplatz Deutweg in Winterthur, Ende Oktober. Das Frauenteam der Winterthur Warriors steckt mitten im Training. Nieselregen durchnässt den Rasen, der Wind peitscht über die Anlage. Der kalte Herbst hält Einzug. Dies scheint die Spielerinnen der Warriors aber nicht im Geringsten zu beeindrucken. Sie sprinten in Höchsttempo über das Feld, springen hoch, hechten hinterher, immer auf der Jagd nach dem ledrigen Ei. Es ist American Football in Reinform – und doch etwas anders. Denn hier reden wir nicht vom klassischen Tackle Football, wie es der Laie vielleicht vom Super Bowl aus dem Fernsehen kennt, sondern von Flag Football.
American Football kann nämlich in diesen zwei Varianten gespielt werden. Während Tackle von viel Körperkontakt lebt, fällt dieser im Flag mehrheitlich weg. Ziel ist zwar weiterhin, den Football in die gegnerische Endzone zu tragen, jedoch kann der oder die Ballführende nur gestoppt werden, indem die Flagge, die jedem Spieler beziehungsweise jeder Spielerin an einem Gürtel hängt, gezogen wird. Statt jemanden niederzuringen, wird also die Flagge geschnappt.
Gleich bleiben die taktischen Spielzüge, die Dynamik und Schnelligkeit des American Football – und hier ist das Frauen-Team der Winterthur Warriors Spitzenklasse. In den letzten Jahren mehrmals Schweizermeisterin geworden, steht die Equipe symbolisch für eine Sportart, die derzeit eine spannende Entwicklung durchmacht – und dadurch auch die nationale American-Football-Landschaft neu formt.
Mehr als nur ein Sport für Juniorinnen und Senioren
Diether Kuhn ist Präsident des Zürcher Kantonal-Football Verbands (ZKFV) und war bis letzten November auch Präsident der Winterthur Warriors. Er kennt die kantonale und nationale Szene in- und auswendig. Und sagt: «In den letzten Jahren erlebte Flag einen veritablen Aufschwung und mutierte zu einer eigenständig ambitionierten Sportart.»
Ähnlich wie typisches Tackle Football, aber doch anders: Flag Football gewinnt an Popularität. Fotos: Kurt Schorrer /ZKS
Das Interessante daran: Die Spielart ist nicht neu. Flag wird bereits seit den Neunzigern in der Schweiz gespielt und ist als Sportart seit der Gründung des kantonalen American-Football-Verbands 2004 ein Teil davon. Bei den Grossvereinen Zurich Renegades und Winterthur Warriors dabei mit vorwiegend einem Zweck: «Bis vor gut fünf Jahren wurde Flag vor allem von U13-Junioren und -Juniorinnen und von ‹Senioren › gespielt», erklärt Kuhn. Dadurch konnte man junge Spielende an das Tackle heranführen sowie älteren Spielenden nach Ende ihrer Tackle-Karriere ein sportliches Betätigungsfeld bieten und sie dadurch im Verein halten. Doch nun hat Flag einen eigenständigen Status erlangt.
Dies offenbaren auch die Zahlen: Die Schweiz zählt 38 American-Football-Vereine. Tackle wird mit 37 Teams in drei Erwachsenen sowie drei Nachwuchsligen gespielt, Flag mit 75 Teams in vier Erwachsenen- sowie drei Nachwuchsligen. In Zürich gibt es vier Tackle- und acht Flag-Vereine. Kurzum: Die Flag-Teams sind gemessen an der Anzahl Teams zwar in der Überzahl – nicht jedoch, wenn man die Anzahl Lizenzierte anschaut. Zudem stellen die beiden Grossvereine, die auch Tackle betreiben, ca. 60 Prozent der Spielenden.
Zwischen Spitzen- und Breitensport
American Football fungierte lediglich zweimal als Sportart an Olympischen Spielen, zuletzt vor über 90 Jahren. Der Grund, weshalb es kein weiteres Mal als Disziplin aufgenommen wurde, liegt laut Olympischem Komitee (IOC) am zu hohen Verletzungsrisiko. Nun wird aber American Football an den Sommerspielen 2028 in Los Angeles sein Comeback feiern – und zwar in Form von Flag. Die Sportart wird exklusiv für diese Spiele ins Programm aufgenommen. Dies hat auch Auswirkungen auf die Schweizer Football-Szene. Dort trainiert man derzeit zwischen Spitzenund Breitensport. Eine Gratwanderung, die auch der ZKS-Kurzfilm der Winterthur Warriors beleuchtet. Denn die Ressourcen in der Randsportart, vor allem auf Breitensportebene, fehlen – und dies trotz steigender Popularität.
«Die Sportarten unterscheiden sich stark im Ressourcenbedarf. Während ein Tackle-Team 40 bis 50 Spieler und sechs bis neun Coaches benötigt, sind beim Flag lediglich 10 bis 15 Spielerinnen auf dem Feld.» Ausserdem brauche es deutlich weniger Ausrüstung. «Mit Rasenschuhen sowie Shirt und Turnhose ist das persönliche Equipment bereits gegeben. Dazu kommen lediglich noch die Flags, also ein Stoffgürtel mit zwei seitlich an Schnappverschlüssen befestigten Bändeln.» Zum Vergleich: Im Tackle brauchen alle Spielerinnen und Spieler unter anderem Helme, Schulterpads, Knieschützer und Handschuhe.
Die niedrige Eintrittsschwelle, sprich die wenigen Ressourcen, die ein Verein für Flag benötigt, sei mitunter einer der Gründe, weshalb die Sportart so attraktiv geworden sei, erklärt Kuhn. Ein Spiel dauert ausserdem nur eine Stunde. «Das ermöglicht es, die Meisterschaft in sogenannten Gamedays abzuwickeln. Ein Team hat somit im Laufe eines Tages zwei bis drei Spiele zu absolvieren.» Durch die Gamedays entwickle man eine gemeinsame Community. «Man verbringt einiges an Zeit miteinander, das schätzen viele.»
«Es ist generell zu beobachten, dass es den Tackle-Vereinen schwerer fällt, junge Spielerinnen und Spieler zu gewinnen. Und dies, obschon das klassische American Football eine verstärkte Medienpräsenz geniesst.»
Diether Kuhn, Präsident Zürcher Kantonal-Football Verband
Dynamik verdrängt Gemeinsamkeiten
Die Etablierung von Flag hat auch Folgen für den Nachwuchsbereich. Flag ist durch das tiefere Verletzungsrisiko – im Vergleich zum Tackle ist man körperlich weniger exponiert – auch für die Eltern der Juniorinnen und Junioren attraktiver. «So ist generell zu beobachten, dass es den Tackle-Vereinen schwerer fällt, junge Spielerinnen und Spieler zu gewinnen. Und dies, obschon das klassische American Football eine verstärkte Medienpräsenz geniesst.» Dass junge Spielerinnen und Spieler mit 16 Jahren vom Flag zum Tackle wechseln, ist entsprechend nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Flag Football generiert immer mehr Teams, kantons- wie auch schweizweit.
Die Folge ist nun eine kantonale und nationale Football-Szene, die von einer erheblichen Dynamik getrieben wird. Diese gilt es zu bändigen. Denn das Erstarken von Flag, so Kuhn, drohe die Gemeinsamkeiten mit dem Tackle in den Hintergrund zu drängen. «All das beeinträchtigt die Strukturen in den Grossvereinen. Entsprechend ist die Bewältigung dieser Heterogenität die Hauptherausforderung des Verbands», hält Kuhn fest.
Seit mehr als einem Jahr ist man seitens des Verbandsvorstands daran, die Frage zu klären, wie reine Flag-Vereine integriert werden können. Die grösste Hürde: die enormen Grössenunterschiede der Vereine, welche die finanziellen Regelungen schwierig machen. «Wir planen jedoch, dies in den nächsten Monaten mit mehr Kapazität zu prüfen», sagt Kuhn. Eine Prognose möchte er nicht wagen, zu unberechenbar ist derzeit die Entwicklung. Und doch ist davon auszugehen, dass Flag weiter an Popularität gewinnen wird. Das Ziel ist somit klar: American Football als Ganzes soll sich weiterentwickeln und entfalten – wozu eine harmonische Koexistenz zwischen den beiden Spielarten innerhalb der Football-Landschaft eine wichtige Grundlage bildet.